Blasewitz – ein „kulturelles Notstandsgebiet“

Bürgerforum zur stadtteilbezogenen Kulturarbeit in Blasewitz am 14. November 2017 in der Alten Feuerwache Loschwitz

von Peter Skyba

Ein Weckruf aus der Bürgerschaft war am 14. November beim „Bürgerforum zur stadtteilbezogenen Kulturarbeit in Blasewitz“ zu hören. Die Stadt hatte in die Alte Feuerwache Loschwitz eingeladen. Vom Dialog mit den Bürgern, der in ähnlicher Konstellation auch in anderen Ortsamtsbereichen stattfindet, erhofft sich die Kommune Impulse und Unterstützung für den künftigen Dresdner Kulturentwicklungsplan und für die Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt Europas 2025.

Nach Begrüßung durch Manfred Wiemer (Leiter des Amts für Kultur und Denkmalschutz), Ortsamtsleiterin Sylvia Günther, Detlev Schweiger vom gastgebenden Kunst- und Kulturverein Alte Feuerwache Loschwitz und einem Impulsreferat von Anne Pallas (Landesverband Soziokultur) hatten die Bürger das Wort. In mehreren Gesprächskreisen benannten sie Defizite und Stärken des Ist-Zustands in Blasewitz und Loschwitz und formulierten ihre Erwartungen zur künftigen Förderung und Unterstützung der Stadtteilkultur.

Für Blasewitz herrschte in der kurzen Bestandsaufnahme Einigkeit: Hier liege ein „Notstandsgebiet“ stadtteilbezogener Kulturarbeit. Markante Unterschiede zeigten sich aber in der Beschreibung des Notstands. Neben der Auffassung, dass Blasewitz vielleicht nicht Wüste, aber mindestens Steppe kultureller Aktivitäten sei, stand eine differenziertere Problemsicht, die Vielfalt und Vitalität hiesiger kultureller Aktivitäten betonte und den Notstand anders verortete: Die Szene könne sich nur schwer entwickeln, weil im Stadtviertel „die Bühne“ fehle, es also viel zu wenig Möglichkeiten zur Präsentation einschlägiger Initiativen und Arbeiten gebe und dadurch auch die Vernetzung der Akteure und die Entfaltung von Projekten und Ideen extrem behindert werde.
Und tatsächlich, wer genau hinsieht, entdeckt im Ortsamtsbereich Blasewitz eine zwar sehr heterogene und zersplitterte, aber bemerkenswert aktive und engagierte Szene. Institutionelle Träger wie das PKO, das Kino im Dach oder die Technischen Sammlungen strahlen im Kiez ebenso aus wie zahlreiche Vereine, die über ihren engeren Vereinszweck, sei es Jugend- oder Seniorenarbeit oder die Gartensparte, die Soziokultur des Viertels mit prägen. In den zurückliegenden Jahren weckte die Aufgabe, Flüchtlinge im Stadtviertel zu unterstützen, gerade in den Kirchgemeinden weiteres bürgerschaftliches Engagement. Und es entstanden Initiativen wie die „Seidnitzer Nachbarschaft“, die sich neben der Unterstützung von Migranten auch die Förderung des bürgerschaftlichen Miteinanders im Stadtviertel auf die Fahne schrieben.

Sicher, im Unterschied zu Loschwitz gibt es in Blasewitz bisher keinen „Bürgerverein“, aber die teilweise kontroversen Diskussionen über die Erhaltungssatzung in Blasewitz, die Gentrifizierung in Striesen oder die Beteiligung an den Grunaer Nachbarschaftstagen dokumentieren das Interesse der Bürgerschaft an ihrem Wohnumfeld, den Wunsch nach Mitgestaltung im Quartier. Und immer wieder blitzt das große Interesse an der Geschichte des Stadtteils auf, ein zuverlässiger Indikator für die Identifikation mit dem Wohnumfeld. So besehen ist die Stadtteilkultur in ihren vielfältigen Facetten im Ortsamtsbereich Blasewitz gar nicht schlecht aufgestellt; zudem gibt es vielfältiges bürgerschaftliches Engagement oder zumindest die Bereitschaft dazu. Umso schwerer wiegt der Befund, dass diese Stadtteilkultur zwar nicht im Verborgenen blüht, sich aber auch nicht auf offener Bühne präsentieren kann, dass – auch aus der Sicht vieler Akteure – die Aktiven nicht in einer bunten „Szene Blasewitz“ vernetzt sind, sondern eher vereinzelt werkeln.

Unabhängig von der Art der Notstandsdiagnose stand daher für alle Teilnehmer eine Forderung ganz oben auf der Agenda: Blasewitz benötigt einen Ort, an dem Stadtteilkultur sicht- und erlebbar wird, an dem Raum für Auftritte und Präsentation und für Versammlungen von Initiativen, Vereinen und Projekten vorhanden ist. Ein Ort mit Platz auch für soziokulturelle Aktivitäten, an dem sich die unterschiedlichen Akteure über den Weg laufen und die ersten Schritte zur Vernetzung gemeinsam gehen können. Wenn es eines Belegs für die dringende Notwendigkeit geeigneter öffentlich zugänglicher Räumlichkeiten bedurft hätte, so war es die Enge bei diesem Bürgerforum; die Alte Feuerwache konnte die etwa 75 Teilnehmer kaum fassen. Angemahnt wurden daneben auch Strukturen auf Ortsamtsebene, die der Stadtteilkultur in Blasewitz organisatorische Unterstützung leisten und den Zugang zu materieller Förderung erleichtern.

Mit ihren Forderungen reklamierten die Teilnehmer ganz konkret Rahmenbedingungen für Blasewitz, wie sie Anne Pallas in ihrem Impulsreferat abstrakt als Voraussetzungen einer gelingenden Stadtteilkulturarbeit skizziert hatte. Das Potenzial reicht weit über die eigentlichen soziokulturellen Aktivitäten hinaus. Stadtteilkulturarbeit schafft Platz für Engagement, Teilhabe und Partizipation der Bewohnerschaft. Und sie stärkt das Stadtviertel als Handlungsraum der Bürgergesellschaft.  Wenn die städtischen Bürgerforen in dieser Sicht einen ersten Schritt markieren sollen, darf sich das Bürgervotum nicht nur im Dresdner Kulturentwicklungsplan und in der städtischen Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt niederschlagen. Es ist auch aktueller Fingerzeig und Handlungsauftrag an die Stadt Dresden und das Ortsamt Blasewitz. Bündnis90/Die Grünen im Dresdner Osten werden diesen Prozess aktiv begleiten.

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